Jana E. Hentzschel
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Hoch hinaus
Kürbissuppe
Aus dem Wald in die Pfanne
Der Lottoschein
Herbststimmung
Metamorphose
Stürmisch
Ausgetrocknet
Saisonkräfte gesucht!
Die Rabenkrähe
Verständigung
Chancenverwertung

Hoch hinaus

Die Oma weiß es sehr genau:
„Wenn ich so aus dem Fenster schau,
die Luft ist schnell, der Himmel klar,
zum Drachensteigen wunderbar.“

Die jüngste Enkelin Marie,
mit blondem Haar und Energie,
holt schnell den Drachen, denn sie hat
das Stubenhocken langsam satt.

Auf einem Feld mit Raps und Mohn,
da hebt er ab und fliegt auch schon.
Der Drachen liebt die weite Sicht,
doch mit der Zeit genügt’s ihm nicht.

Er will noch weiter, will viel mehr,
die Schnur jedoch gibt nicht mehr her.
Er zieht und zerrt mit aller Macht,
das Mädchen aber hält und lacht.

Die große Trennung dennoch naht.
Marie putzt sich die Nase grad,
da reißt ’ne Böe aus dem Stand
die Spule ihr aus einer Hand.

Sie starrt hinauf, entsetzt der Blick.
Die Oma sieht das Missgeschick
und hat sogleich eine Idee:
„Sehr bald, mein Kind, tut’s nicht mehr weh!“

Den Drachen treibt der Wind hinfort,
er segelt froh von Ort zu Ort.
Da hält die Luft den Atem an,
dass er sich nicht mehr halten kann.

Er landet derb im feuchten Schmutz,
hat weder Überblick noch Schutz.
Der Regen kommt, dann wird es Nacht,
das hatte er nun nicht bedacht.

Der Wind frischt auf, er schwebt ein Stück,
doch hat er dabei nicht viel Glück;
er fliegt ja blind und viel zu tief
und das geht hin und wieder schief.

Er will nach Haus’, das Heimweh quält,
es ist nur noch Marie, die zählt,
er überschlägt sich hier und da
und endlich ist das Mohnfeld nah.

Ihm schmerzt jedoch das Herz wie nie:
Ein fremder Drachen bei Marie!
Er flattert vorsichtig herbei,
sie schaut und hält dann glücklich zwei.